Budget für Arbeit

Normalität statt Defizit

Erstes Budget für Arbeit in Hildesheim vergeben/proWerkstätten, Caritas und Stadt arbeiten zusammen

Hildesheim. Dass Anja Czaikowski dazu gehört, sieht jeder sofort. Wie alle MitarbeiterInnen im Teresienhof trägt sie einen leuchtend roten Kittel. Trotzdem ist dieser Tag ein besonderer für die junge Frau. Denn es ist ihr erster Arbeitstag in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis. Bisher war sie offiziell bei den proWerkstätten Himmelsthür auf einem ausgelagerten Arbeitsplatz im Teresienhof beschäftigt – der erste Schritt in den ersten Arbeitsmarkt. Dass jetzt daraus eine Übernahme im Teresienhof stattfindet, ermöglicht das Budget für Arbeit. Jetzt hat sie einen Arbeitsvertrag bei der Caritas, der Betreiberin des Pflege- und Seniorenheims, unterschrieben. Czaikowski ist die erste Empfängerin in Hildesheim.

Das „Budget für Arbeit“ ist im Bundesteilhabegesetz verankert. Das tritt zwar erst Anfang 2018 in Kraft, aber schon jetzt können Menschen mit Behinderung damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Stadt Hildesheim bezuschusst ArbeitgeberInnen mit bis zu 75 Prozent des Lohns der Beschäftigten. Darüber hinaus steht den ArbeitnehmerInnen eine BetreuerIn zur Seite. „Davon abgesehen ist Frau Czaikowski eine Mitarbeiterin wie jede andere auch“, betont Heimleiter Michael Sackmann. Sie wird nach Tarif bezahlt, hat Anspruch auf Urlaub, übernimmt Wochenenddienste.

Darüber hinaus steht eine Assistenz am Arbeitsplatz zur Verfügung: Zwei Stunden im Monat trifft Gabriele Hübner-Krumm, Leitung berufliche Bildung bei den proWerkstätten, sich  weiterhin mit Anja Czaikowski, um die schönen und schwierigen Seiten des Arbeitslebens zu besprechen. „Die proWerkstätten funktionieren dadurch als Sicherheitsnetz für Arbeitnehmer, aber auch Arbeitgeber“, so Gabriele Hübner-Krumm. "Hier sind deutlich die Vorteile des ambulanten Berufsbildungsbereiches und der ausgelagerten Arbeitsplätze im Vorfeld erkennbar  Durch diese Erprobungszeit die eng von der Werkstatt begleitet werden, können alle Beteiligten Sicherheit erlangen, dass dies der richtige Weg ist."

Nach der Probezeit sei man jetzt zuversichtlich, dass Anja Czaikowski im Teresienhof gut aufgehoben ist, sagt Gabriele Hübner-Krumm. „In unserem Team wissen alle, was wir an Anja haben“, bestätigt Claudia Symolka-Fischer. Sie leitet den Bereich Hauswirtschaft, ist also Czaikowskis direkte Vorgesetzte.

In den vergangenen Wochen hat sie die Entwicklung ihrer neuen Mitarbeiterin gesehen. „Sie ist sicherer und selbstbewusster geworden, übernimmt Verantwortung und beteiligt sich.“ Anja Czaikowski arbeitet vor allem in der Küche und der Wäscherei. Überschaubares Umfeld, enge Zusammenarbeit. Trotzdem steht nicht ständig ein Kollege dabei, der aufpasst. Normalität statt Defizit ist das Motto. „Die anderen vergessen sogar eher, dass Anja zum Beispiel mit dem Lesen Probleme hat“, schmunzelt Symolka-Fischer. „Aber, und das ist wichtig, Anja bittet dann von sich aus um Hilfe.“ Für die Assistentin Hübner-Krumm ist das „ein gutes Beispiel für Zusammenarbeit aller Beteiligten“.

„Am meisten Spaß macht die Arbeit in der Wäsche“, findet Anja Czaikowski. Die Kleidung der BewohnerInnen müssen ordentlich zusammengelegt und korrekt geordnet werden. Bei Neuzugängen muss alles etikettiert werden. Auch darauf, dass im Gemeinschaftsbereich immer genug Säfte sind, legt sie großen Wert. „Da können wir uns uneingeschränkt auf Anja verlassen“, lobt Symolka-Fischer. Wäsche und Küche, das ist praktische Haushaltsführung. Die muss Czaikowski jetzt auch privat übernehmen. Denn vom ersten Lohn auf dem ersten Arbeitsmarkt zahlt sie die Miete für die erste eigene Wohnung.

Sie zieht aus ihrer Wohngruppe aus. Auch das gehört schließlich zum Selbstständigsein. Darum geht es den proWerkstätten, der Stadt Hildesheim und dem Gesetzgeber mit dem Teilhabegesetz. Auf den Umzug freut sie sich: „Es ist eine schöne Wohnung, gut ausgebaut, und Oma wohnt ganz in der Nähe.“ Gute Zukunftsaussichten, findet auch Jörg Klingebiel vom Integrationsfachdienst. „Hier hat sich durch Zusammenarbeit alles zum Guten entwickelt“, lobt er. „Vor allem Anja Czaikowski kann stolz auf sich sein.“ Sie ist die erste Empfängerin des „Budget für Arbeit“ in Hildesheim. Weitere können und sollen folgen. „Hauptsache“, erinnert Klingebiel, „die Arbeit macht Spaß.“

BU Budget für Arbeit (1):
Anja Czaikowski arbeitet jetzt im Teresienhof. Ihr Eltern, Kollegen und pädagogische Fachkräfte der Prowerkstätten stehen hinter ihr.

BU Budget für Arbeit (2):
Egal, ob in der Küche oder in der Wäscherei: Anja Czaikowski packt an, wie alle anderen auch. Hauptsache, es macht Spaß.

Text und Fotos: Björn Stöckemann


Beschäftigte von Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) haben die Möglichkeit, mithilfe eines Budgets für Arbeit auf einen Arbeitsplatz des ersten Arbeitsmarktes eingegliedert zu werden.

Zunächst muss ein Arbeitgeber gefunden werden, in dessen Betrieb eine Beschäftigung des behinderten Menschen möglich ist.

Wird ein entsprechender Arbeitsvertrag für mindestens zwei Jahre abgeschlossen, kommt die Gewährung eines Budgets für Arbeit in Betracht.

Die bisherige Vergütung an den Werkstattträger - ohne Fahrtkostenpauschale - wird als persönliches Budget an den Antragsteller ausbezahlt. Damit kann sich der Budgetnehmer dann Leistungen bei seinem zukünftigen Arbeitgeber einkaufen. Diese Leistungen können in Form von Betreuung oder auch Lohnsubventionierung erbracht werden.

Der Arbeitgeber ist für die Beitragszahlungen in die Sozialversicherung verantwortlich.

Im Falle eines Scheiterns ist eine Rückkehr in die Werkstatt für behinderte Menschen möglich.

In Niedersachsen wurde in den Jahren 2008 bis 2009 modellhaft das Budget für Arbeit erprobt. Die Rahmenbedingungen dafür ergeben sich aus dem Erlass des Niedersächsischen Ministeriums vom 11.01.2008

 

Aktuelle Informationen: Landesbeauftragten für behinderte Menschen

http://www.behindertenbeauftragter-niedersachsen.de/index.php/budget.html

Quelle: Niedersächsisches Landesamt für Soziales, Jugend und Familie (31.07.2015)